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Ab und zu zwickt mich das Teufelchen
von Gertrud Pforr
Als
ich diese Hässlichkeit zum ersten Male sah, staunte ich: Sie hing
am Körper des Schülers eines Hamburger Gynasiums. Der Gymnasiast,
in einer Gruppe von Klassenkameraden schlendernd, trug unter dem linken
Arm seine Schulmappe. Mit der rechten Hand hielt er ab und zu seine Hose
fest. Diese schien viel zu groß zu sein,- so glaubte ich jedenfalls
am Anfang, bis ich erfuhr, die Hose war nicht zu groß, sie musste
so sitzen.
Die Beine der Jeans waren lang, viel zu lang und der Träger spazierte,
mit seinen Schuhen auf die am Boden schleifenden Säume tretend, die
Straße entlang.
Der Schritt dieser schrecklichen Beinkleider hing ihm zwischen den Kniekehlen.
Da zu diesem Monstrum kein Gürtel getragen wird, rutschte es natürlich,
und der Träger zerrte es ab und zu hoch, damit er nicht über
sein gutes, ach so modernes Kleidungsstück stolperte.
Ich ließ die Gruppe junger Leute an mir vorbeigehen und sah ihnen
nach, verwundert darüber, wie man sich so hässlich kleiden konnte.
Gewiss, Modetorheiten gab es immer schon, abgesehen davon, dass sie manches
Mal auch praktisch waren.
Zum Beispiel
erinnere ich mich gut daran, wie mein Vater sich aufregte, als ich meine
erste dreiviertellange Hose trug, mit flachen Schuhen dazu.
Es war damals genau die richtige Kleidung für die modernen Tänze,
wie Jitterbug, Boogie- Woogie und später Rock'n Roll.
"Ganz gleich, ein Mädchen hat sich so nicht zu kleiden",
grollte mein Vater. Für ihn waren ein Kleid oder Rock und Bluse korrekt,
- aber eine Hose, und dann noch zum Ausgehen - unmöglich.
Man kleidete sich schick oder sportlich elegant, später dann sogar
etwas schlampig oder wenn ich an die Punks denke, völlig abgerissen
- eine reichlich absurde Einstellung!
Weiß der Himmel, welche Philosphie dahinter steckte. Ich
fand das, was hier um den Körper dieses Schülers schlotterte,
potthässlich!
Soll ja der Kleidung der Gefangenen auf den Teufelsinseln nachempfunden
sein, denen die Hosen stets ohne Gürtel um die ausgezehrten Leiber
hingen. Ich glaube das sogar, aber muss man denn so etwas deshalb toll
finden? Vielleicht bin ich auch schon zu alt, um es zu verstehen, aber
ich glaube, verstehen muss ich es auch es nicht.
Die ganze
Zeit machte ich mir Gedanken, wie sich der junge Mann wohl verhalten würde,
wenn er seine Hose verlöre. - Vielleicht beim Aussteigen aus dem
Bus oder beim Rennen über eine Kreuzung. Der Teufel steckt im Detail,
denn es rutscht ja nicht nur die Hose, sondern wahrscheinlich auch zugleich
- die Unterhose.
Seit diesem Tag beobachtete ich die Opfer meiner Begierden. Ich wollte
erleben, wie sie sich wohl in einer solch pikanten Situation verhalten
würden. Ja, ich muss gestehen, manchmal zwickte mich das Teufelchen,
und ich überlegte ernsthaft, ob ich nicht ein bisschen - rein zufällig
- nachhelfen sollte.
Bisher zögerte ich, aber meine Stunde kam. - Eines
Tages, wir waren mit der Bahn aus Cuxhaven gekommen, ging vor uns eine
Gruppe junger Leute auf die Fahrtreppe zu.
Sie lachten und schwatzten, waren froher Dinge und wir waren mitten drin
in diesem Trubel aufgeregter Wochenend-Urlauber.
Vorsichtig, Schritt für Schritt darauf achtend, niemandem mit dem
Gepäck in die Rippen zu stoßen, erreichte ich den Aufgang.
Während uns die Technik der unter der Treppe verborgenen Rollen nach
oben transportierte, sah ich mich um. Gerötete Gesichter, erhitzt
vom Tag oder auch müde Gestalten, die sicher froh waren, bald das
Ziel ihrer Reise erreicht zu haben. - Aber vor mir - direkt vor mir ging
ein junger Mann mit einer dunkelblauen Schlabberjeans, deren Schritt noch
tiefer als zwischen den Knien hing.
Jetzt war der Moment da. - "Soll ich oder soll ich nicht?" fragte
ich mich.
Wird er daraus lernen, dass nur Gefangene der Teufelsinseln derart "locker"
angezogen daher kommen sollten und dass ein normaler Mitteleuropäer
so nicht herumläuft? - Und ich tat's - ich trat wie aus Versehen
auf seine Hose.
Die Jeans rutschte - der Schwerkraft gehorchend - und eine hellblau gepunktete
knappe Unterhose kam zum Vorschein, die ebenfalls rutschte.
Der Gesäßspalt wurde länger und länger. "Gleich
würde er ohne" - - 
Da bemerkte
er wohl doch die ungewohnte Blöße seiner Kehrseite. - Mit der
rechten Hand die Hose haltend, drehte er sich um und wandte mir sein lachendes,
verschwitztes Gesicht zu. Trotz der Hitze trug er auf seinen kurzen Strubbelhaaren
eine Strickmütze.
"Oh, entschuldigen Sie", stotterte ich, mühsam das Lachen
verbeißend, "tut mir leid!"
"Ach, das macht nichts", meinte er grinsend, "da kann ich
mit umgehen!"
Ich
war baff. So viel Selbstbewusstsein hätte ich mir auch gewünscht,
als ich damals meine dreiviertellangen Hosen zum Tanzen trug. -
Und im Übrigen, es gibt Dinge, die muss ich nicht mehr unbedingt
verstehen.
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